Noch einen dritten Punkt muß ich erwähnen. Aus diesen ganzen Ausführungen des Dr. Beneš, wie ich sie in den Zeitungen gelesen, habe ich den allgemeinen Eindruck, daß er eine riesige Angst hat vor der Habsburger Dynastie. Da habe ich mir beim Lesen gedacht: Ja, ja Undank ist der Welt Lohn. (Posl. Koudelka: To je známý ctitel z Teplic!) Ja, ich bin aus Teplitz, mehr habe ich nicht verstanden. Ich bin ganz und gar nicht der Meinung, daß die Èechen der Dynastie Habsburg etwas besonderes vorzuwerfen hätten, im Gegenteil.
Im Gegenteil, hochverehrte Anwesende. Wir brauchen nur ein bißchen das zu überlegen, was in den allerletzten Jahrzehnten der allgemeinen Politik im alten Oesterreich-Ungarn geschehen ist, dann ist es wirklich das Gegenteil. Undank ist der Welt Lohn. Ich kann aber einen Punkt auch diesmal nicht übergehen, der ganz besonders und für alle Zeiten dem deutschen Volke klar machen wird, was für ein Verderben für das deutsche Volk dieser gegenwärtige Außenminister der Republik gewesen ist. Das ist sein berühmtes Memoire III. Es ist hier vielleicht darüber schon gesprochen worden. Meine Zeit reicht nicht aus, um alles zu sagen, aber ich möchte nur sagen: Durch dieses Memoire III ist eine lrreführung geschehen, uns gegenüber und der Welt gegenüber. Als der Umsturz eintrat, da hie es von der allerletzten bis zur obersten Instanz: Das ist eine res iudicata, eine ausgemachte Sache, daß die Deutschen der èechoslovakischen Republik zugehören sollen, 3 1/2 Millionen Deutsche. Das war die erste Irreführung uns gegenüber. Denn das war in keiner Weise ausgemacht. Daß das nicht ausgemacht war, dafür ist Beweis, daß das Memoire III überhaupt entstanden ist. Der Aussenminister Beneš hat, als die Sache kritisch wurde, es für notwendig befunden, dieses Memoire auf den Tisch der Verhandlungen in Paris und St. Germain zu legen und erst auf Grundlage dieses Memoires sind wir dieser Republik zugeschlagen worden. Und nun kommt die Irreführung der Welt, wenigstens der Friedenskonferenz, und die geht dahin, daß man gesagt hat, es bestehe kein deutsches Sprachgebiet in dieser Republik, und daß man versprochen hat, alles zu tun, was so ziemlich den Inhalt der nationalen Selbstverwaltung ausmacht. Was ist aber geworden? Ich bin der Meinung, von diesem Schriftstück muß auch unserer Jugend erzählt werden, damit sie weiß, auf welche Weise wir zu dieser Republik gekommen sind. Von diesem Schriftstück muß in unseren Versammlungen immer und immer gehandelt werden, und namentlich unsere Aufgabe, verehrte Anwesende, ist es, daß wir das irregeführte Ausland über die wirklichen Tatsachen aufklären. Wir können wegen dieses Memorandums zur gegenwärtigen Aussenverwaltung der Republik nie Vertrauen haben.
Nun hat der Herr Minister so recht von oben herab voll Wohlwollen auch gegenüber Deutschland und natürlich auch Deutschösterreich gesprochen. Ja, es ist richtig, unser deutsches Volk liegt jetzt darnieder, aber ich habe einen Glauben und sage: Für mich ist noch immer das Wort maßgebend von der Weltgeschichte und dem Weltgericht und von dem Walten einer höheren Macht. Und noch eines muß ich hinzufügen: Wenn das deutsche Volk darniederliegt, so liegt es darnieder, nicht weil es zu klein gewesen wäre in diesem Weltkrieg, das kann niemand behaupten; es liegt darnieder als ein Opfer der Northcliffpresse, welche das Ausland so furchtbar infizierte und schließlich auch unser Inland zum großen Teile infiziert hat. Ich bin überzeugt, es wird der Tag der Auferstehung auch für das große deutsche Volk wiederkommen.
Der Ueberzeugung bin ich und da nimmt sich alles, es ist doch nur Ziffernsache, sehr erbärmlich aus, wenn der Außenminister eines Staates von 12 Millionen Einwohnern, in dem selbst fast 4 Millionen Deutsche sind, von oben herab über das deutsche Volk spricht.
Meine hochverehrten Damen und
Herren! Ich glaube, nach Zeitungsberichten hat das gestern schon
Kollege Mayer gesagt, blosse Zahlen beweisen es, daß die
Republik in wirtschaftlicher Beziehung vollständig auf Deutschland
angewiesen ist. In den Zeitungen ist vor etwa 14 Tagen veröffentlicht
worden, daß der ganze Import in dieser Republik zu 56% aus Deutschland
kommt. Und bedenken Sie, daß einst kommen wird was naturnotwendig
kommen muß, der Anschluß Deutschösterreichs an Deutschland (Potlesk
na levici.) und dann wird dieser Import nicht 56% ausmachen,
wenn ich Handelsziffern nennen soll, sondern ganz bestimmt 80%
und damit ist alles gesagt. Will die Republik irgendwie eine Zukunft
haben, dann muß sie ihre äußere Verwaltung ganz und gar nach Deutschland
orientieren und das hat auch eine Änderung der Orientierung im
Innern, uns gegenüber, den Deutschen im Lande gegenüber, zur Voraussetzung.
Gestern hat hier der Pater Hlinka, der gefeierte Hlinka,
der Èeche, gesprochen - ich bin auch etwas enttäuscht - und hat
gesagt, die Slovaken wollen ihre Autonomie und die Èechen wollen
ihre Autonomie. An die Ungarn hat er vergessen und namentlich
die Deutschen hat er vergessen. Das was Hlinka für sein
Volk gefordert hat, das fordern wir in dieser Republik auch für
unser Volk. Dann ist die Möglichkeit einer Zukunft für diese Republik
gegeben. (Souhlas a potlesk na levici.)
Hohes Haus! Der Geschichtsforscher der Zukunft, der die großen Ereignisse, welche in den Jahren 1914-1918 unseren Planeten erschütterten, unvoreingenommen und folgerichtig in die Menschheitsgeschichte wird einschichten wollen, wird sicherlich zu der Schlußfolgerung kommen, daß dieselben nicht ein Ding an sich, nicht ein abgeschlossenes Geschehen mit einem durch die Kriegserklärungen Ende Juli und anfangs August 1914 bestimmten festen Anfangspunkt und einem mit der Unterzeichnung und Genehmigung der sogenannten Friedensverträge bestimmten Endpunkte sind, sondern nur der Höhepunkt einer Entwicklung, die weit hinter den Sommer 1914 zurückreicht und ihren Abschluß erst spät nach dem Jahre 1918 finden wird. Immer mehr werden die Einzelheiten, mögen sie auch für sich allein betrachtet eine staunenerregende Leistung sein, zurücktreten vor den großen Zusammenhängen und treibenden Kräften, die am Werke waren und in ihrem Zusammenspiele jenes Millionensterben im Felde und in der Heimat bei uns und bei den Gegnern, jenes Meer von Tränen der Witwen und Waisen nach den gefallenen Helden, jenes unsägliche Elend mit seinem Gefolge von Hunger, Krankheit und sittlicher Verrohung verursachten. Immer mehr wird die äußere Hülle, welche die beiden Parteien, die sich gegenseitig zerfleischten, ihren Entschlüssen umhängten, um sie vor der Welt zu beschönigen und die breiten Massen der eigenen Völker zu willigen Werkzeugen ihrer Pläne zu machen, fallen, werden die ihres äußeren Scheines durch die unerbittliche Arbeit des Forschers entkleideten nackten Tatsachen ein wahres Bild der Ereignisse darstellen, immer mehr wird die Mit- und Nachwelt beurteilen können, auf welcher Seite der größere Teil der Schuld an dem großen Morden der vergangenen vier Jahre und an seinen Folgen liegt. Ohne mir selbst jenes Maß von Unvoreingenommenheit anmaßen zu wollen, welches notwendig sein wird zu einer vorurteilslosen Beurteilung aller Gründe und Ursachen, aller Handlungen und Entschlüsse, durch welche das sittliche Bild des Weltkrieges mit vollständiger Treue wiedergegeben wird - denn ich gestehe es offen, daß ich mit allen Fasern meines Herzens von Anfang an und auch jetzt noch auf Seite des deutschen Volkes als des führenden Volkes im Bunde der Mittelmächte stehe, - ohne mir verheimlichen zu können, daß wir heute noch nicht jenen zeitlichen Abstand gewonnen haben, welcher notwendig ist, um den richtigen Ueberblick über die Ereignisse zu bekommen, eines kann man jetzt schon mit unzweifelhafter Berechtigung behaupten, nämlich daß die Schuld am Kriege nicht dadurch bewiesen wird, daß sie in den verschiedenen Friedensdiktaten der Sieger paragrafenmäßig den Mittelmächten und in der Hauptsache dem deutschen Volke zugeschoben wird und nicht dadurch, daß die besiegten Völker, gezwungen durch die Daumenschrauben der Hun gerblokade, durch die spanischen Stiefel der Besetzung ihrer Gebiete und durch die Anwendung anderer politischer und wirtschaftlicher Folterwerkzeuge diese Friedensverträge unterschrieben haben. Im Gegenteil! Diese kindische Art, sich durch ein erzwungenes Geständnis des anderen Teiles reinzuwaschen, zeugt von einer derartigen krankhaften Angst, selbst als der Schuldige dazustehen, daß sie allein schon einen Unbeteiligten mißtrauisch machen muß. Gibt es heute noch irgend jemanden, der die peinliche Halsgerichtsordnung zu verteidigen wagt, welche das Geständnis des Angeklagten von diesem durch die sogenannte peinliche Frage erpreßte, dadurch daß man ihm Daumenschrauben und spanische Stiefel anlegte, die einzelnen Glieder brach und auf andere Weise unerträgliche Qualen bereitete? Die Schuld am Kriege und seinen Folgen wird nicht durch die unter Protest gegebene, durch Androhung der grausamsten Strafen erzwungene Unterschrift der Mittelmächte auf den Friedensverträgen, nicht durch die vollkommen nebensächliche Tatsache erwiesen, wer die erste Kriegserklärung dem Gegner zuschickte, nicht dadurch, welcher Teil der kriegstüchtigere und zum Kriege vorbereitete war, weil er in weiser Voraussicht der möglichen Ereignisse nach dem Wahrworte: "Si vis pacem, para bellum" sich rechtzeitig gerüstet hat, sie wird auch nicht dadurch bewiesen, daß einzelne Deutsche unbegreiflicher und bedauerlicher Weise in das Horn der Entente blasen, nein! Die Schuld am Kriege wird beurteilt werden müssen nicht nach einer Tat einzelner, herausgerissen aus dem Zusammenhange, sondern nach der Gestaltung der gesamten äußeren und inneren Politik der Mächte und Völker in den dem Kriege vorangegangenen Jahrzehnten, nach dem den einzelnen zwischenstaatlichen Verträgen und Bündnissen innewohnenden Geiste, der die Triebfeder der äußeren Politik der Völker war, und nicht zuletzt nach den Friedensverträgen, welche die siegreichen Staaten den unterlegenen Mittelmächten aufzwangen, weilgerade durch die Bestimmungen dieser sogenanntenVerträge das wahre Gesicht der alliierten und assoziierten Mächte hinter der Maske der Heuchelei zum Vorschein kam.
Man wird berücksichtigen müssen die seit Jahrhunderten gleiche Politik Englands, welches jedes Anwachsen einer anderen Macht, jede Bedrohung der eigenen überragenden Welthandelsstellung mit allen Mitteln, größtenteils aber dadurch zu verhindern suchte, daß es andere Staaten gegen den gefährlichen Nebenbuhler hetzte. Man wird berücksichtigen müssen den französischen Revanchegeist, der aus der französischen nationalen Uberempfindlichkeit und ihrem vollkommen unbegründeten Größenwahnsinn entspringt, man wird nicht vergessen dürfen, daß das zaristische Rußland die in seinem Innern angehäuften revolutionären Kräfte durch einen nationalen Eroberungskrieg ablenken mußte, wenn es nicht Gefahr laufen wollte, im Strudel der Revolution schon damals zusammenzubrechen; man wird auf die Ereignisse am Balkan und deren Hintermänner blicken und die Kolonialpolitik der einzelnen Mächte mit scharfer Aufmerksamkeit verfolgen müssen; man wird gut tun, aus der Geschichte festzustellen, wieviel Eroberungs- und Beutekriege England, Frankreich und Rußland im Laufe der letzten Jahrhunderte geführt haben und wie oft das Deutsche Reich zum Zwecke des Angriffes das Schwert gezogen hat, um die größere oder geringere Friedensliebe der einzelnen Völker beurteilen zu können und man wird begreifen, warum der Oberste Rat es für so notwendig hielt, in die Friedensdiktate das Bekenntnis der Schuld der Mittelmächte am Kriege aufzunehmen.
Daß die alliierten und assoziierten Mächte soviel Gewicht darauf legen, das Deutsche Reich und seine Verbündeten als die einzig Schuldigen am Kriege und an allen im Kriege vorgefallenen Greueltaten, völkerrechtlich erlaubten und unerlaubten Verbrechen hinzustellen, ist eine Folge des Geistes dieser Friedensverträge, welche als Strafurteile für alle diese behaupteten, aber niemals bewiesenen Verbrechen erscheinen. Fällt die Voraussetzung für das Urteil, die Schuld, dann ist auch die sittliche Grundlage für die Strafe gefallen. Ohne bestreiten zu wollen, daß auch in den Armeen der Mittelmächte es manchen Verbrecher gegeben hat, der teils aus verbrecherischer Anlage heraus, teils unter der Einwirkung der kriegerischen Ereignisse und berauscht durch die ihm in die Hand gegebene Machtfülle Recht und Gesetz mit Füßen trat und an Stelle des sittlichen Rechtes das Recht des Stärkeren setzte, so muß doch darauf hingewiesen werden, daß die von der feindlichen Propaganda in die Welt posaunten Schauernachrichten über die barbarische Kriegführung der Deutschen und den sittlichen und moralischen Tiefstand des deutschen Soldaten im allgemeinen ebensoviele erfundene Lügenmärchen sind. Wenn ein einzelner oder einige aus einer Masse von Millionen sich ein Verbrechen zu Schulden kommen lassen, so darf dafür nie und nimmer ein ganzes Volk zur Verantwortung gezogen werden. Die unvoreingenommene und leidenschaftslose Kriegsgeschichtsforschung wird bestimmt einmal feststellen, daß die Mittelmächte für jede Völkerrechtsverletzung, deren sie sich oder ein Mitglied ihrer Armeen schuldig machten, mindestens zehn, wenn nicht mehr gleich schwere und schwerere Verbrechen auf Seite der Gegner entgegensetzen können. Sie wird feststellen, daß nicht nur die Schuld am Kriege, sondern insbesonders auch die Schuld im Kriege und im höchsten Maße die Schuld nach dem Kriege und an der Fortdauer seiner Folgen auf Seite jener liegt, die sich heute mit heuchlerischer Miene zu Sittenrichtern der Welt aufwerfen, die als Richter in eigener Sache das urewige Menschheitsrecht zu ihrem Vorteil beugten, deren Mund immer nur von Gerechtigkeit und Demokratie überfließt, während ihre Taten ein Ausfluß des grausamsten Hasses gegen alles Deutsche, ein Produkt der schlotternden Angst vor der deutschen Tüchtigkeit sind, nichts anderes als der wahnwitzige Versuch, durch alle möglichen Zwangsmittel den durch die Friedensdiktate sanktionierten Raub für ewige Zeiten zu sichern.
Wir lehnen daher sämtliche Friedensverträge, demnach auch die heute zur Genehmigung vorgelegten ab, weil die Voraussetzungen, auf welchen sie aufgebaut sind, die Schuld der Mittelmächte am Kriege, durch nichts bewiesen sind, nicht zutreffen und mit den Tatsachen der Geschichte im Widerspruche stehen.
Wir lehnen sie aber auch ab, weil es sich nicht um Verträge handelt, die doch nur durch die freie Willensübereinstimmung zweier Vertragsteile entstehen können, sondern um Diktate, um einseitige Festsetzungen, deren Gegenzeichnung von den Mittelmächten erspreßt wurde und unter Verwahrung erfolgte.
Wir lehnen sie aber auch ab, weil das ganze Machwerk dieser sogenannten Friedensverträge sich auf einem ungeheuerlichen Betrug aufbaut, der seinesgleichen in der Weltgeschichte nicht hat und auch nicht so bald wieder haben wird. Die Waffenstillstandsverhandlungen, welche das deutsche Volk veranlaßten, sich auf Treu und Glauben durch Niederlegung der Waffen dem Gegner auszuliefern, enthielten die Zusicherung, daß die Friedenverträge auf der Grundlage der vom Präsidenten der Vereinigten Staaten Nordamerikas seinerzeit aufgestellten berühmten und berüchtigten -14 Punkte aufgebaut werden würden. Als aber das deutsche Volk, welches gewohnt ist, Treue zu halten, im Vertrauen auf die Treue der Gegenseite sich wehrlos gemacht hatte, da warf man hohnlachend diese 14 Punkte über Bord, da sie ihre Schuldigkeit als Lockmittel zur Untergrabung des deutschen Widerstandsgeistes getan hatten und nur mehr einen unangenehmen Ballast bildeten, und setzte in langwierigen Beratungen hinter verschlossenen Türen jene Friedensbedingungen fest, welche vom ersten bis zum letzten Punkte nur vom französischen Geiste der Rache und des Hasses, von der zur fixen Idee gewordenen Angst vor einer Wiedervergeltung diktiert sind, in dem geradezu lächerlichen Glauben, daß der tote Buchstabe auch wirklich dauerndes Leben schaffen könne, daß ein derartiges Machwerk auch tatsächlich die zukünftige Ordnung Europas und in der Welt herzustellen imstande sei.
Wenn der "Eclair" behauptet, daß die Zertrümmerung der alten Donaumonarchie die größte Dummheit des Jahrhunderts war, so sage ich, daß die ganze Friedensmache das größte Verbrechen an der Menschheit ist, das jemals begangen wurde. Wir Deutsche können und wollen uns dieses Verbrechens nicht mitschuldig machen, wir sind auch nicht gewillt, für die Folgen, die dieses Verbrechen nach sich ziehen wird, die Verantwortung mit zu übernehmen.
Diese Folgen sind aber so furchtbar, wie die Ursache selbst, und treten von Tag zu Tag deutlicher hervor. Sie bestehen vor allem darin, daß durch die verschiedenen Friedensschlüsse dem ungeheuren Elend, das der Krieg über die Welt gebracht hat, kein Ende gemacht wird, sondern daß sie dieses Elend zu verewigen geeignet scheinen; die Folge ist, daß der Weltkrieg noch immer nicht abgeschlossen ist, weil die Unmöglichkeit der Erfüllung der Friedensdiktate die Beruhigung der Welt verhindert, weil diese Friedensdiktate nicht eine Entspannung bedeuten, sondern infolge ihrer Hirnrissigkeit, ihrer inneren Widersprüche und des durch sie geschaffenen neuen Zündstoffes auf eine neuerliche Entladung drängen, die sich allerdings nicht in der Form des Krieges zwischen organisierten Heeresmassen vollziehen dürfte, sondern in der Form des infolge des wirtschaftlichen Zusammenbruches ausbrechenden allgemeinen Kladderadatsches im balkanisierten Mitteleuropa und in dem zur Verzweiflung getrieben Deutschen Reiche, auf dessen Trümmern dann der von den Step pen Rußlands immer näher sich heran wälzende Bolschewismus seine Herrschaft aufrichten wird, jenes rote Schreckensregiment, das das gesamte Wirtschaftsleben Europas und mit ihm der Welt in einem Meer von Blut und Tränen zu ersäufen droht. Die schwarzen Horden am Rhein, die größte Kulturschande des 20. Jahrhunderts, werden Frankreich, die beste Kriegsflotte und die silbernen Kugeln werden England, die Wassermassen des Atlantischen Ozeans werden Amerika, und die 40.000 Legionäre werden diesen Staat dann nicht davor schützen, daß die Diktatur Lenins auch auf sie übergreift! Denn der Zusammenbruch Mitteleuropas hat den Zusammenbruch auch der Siegerstaaten zur Folge und nichts ist ein so fruchtbarer Nährboden für die Ideen der Lenin und Trotzki wie das durch einen derartigen wirtschaftlichen Zusammenbruch hervorgerufene Massenelend, wie die die breiteren Volksmassen infolge der Nichterfüllung ihrer Hoffnungen packende bittere Enttäuschung, wie die aus der Hoffnungslosigkeit geborene Verzweiflung. Dieses Unheil von Europa und damit von der ganzen Menschheit abzuwenden, sollte oberste Pflicht aller derer sein, die es nicht nur mit ihrem Volke, sondern mit der Menschheit, mit der Kultur und Zivilisation derselben ernst meinen. Abgewendet aber kann es nur werden, wenn rechtzeitig, ehe der letzte Hoffnungsfunke auf eine Gerechtigkeit in den durch die Friedensdiktate erbarmungslos niedergetretenen Völkern erlischt und die Verzweiflung sich mit elementarer Gewalt Bahn bricht, wenn rechtzeitig die Ursache des Übels, das Hindernis für eine gesundende Welt von den Nachwirkungen des vierjährigen Krieges, die sogenannten Friedensverträge beseitig werden und an ihre Stelle gerechte, auf wahrer demnokratischer Grundlage aufgebaute, vom Geiste der Völkerversöhnung getragene neue Verträge gesetzt werden.
Wir lehnen die gesamten Friedensverträge aber auch ab, weil mit ihnen entgegen der von Wilson in seiner Rede vom 11. Feber 1918 gemachten Zusicherung, daß Völker und Provinzen nicht von einer Herrschaft an die andere verschachert werden dürfen, als wären sie nichts weiter als Pfandstücke oder Schachfiguren "und entgegen dem weiteren in derselben Rede aufgestellten Grundsatz, daß jede Abmachung über Territorialrechte im Interesse und nur zum Besten der dabei in Betracht kommenden Bevölkerung getroffen werden müsse" große Gebiete gegen den ausdrücklichen Willen der sie bewohnenden Bevölkerung anderen Nationen zur Unterdrückung ausgeliefert und dadurch das Selbstbestimmungsrecht dieser Völker rücksichtslos und brutal mit Füßen getreten wurde, wir lehnen sie ab, weil auf Grund dieser Friedensverträge dieser Staat in der Form, in welcher er besteht, geschaffen wurde, dieser Staat, dem wir gerade so und mit viel mehr Berechtigung unsere Liebe und Treue versagen müssen, wie Sie es dem früheren Österreich gegenüber getan haben, weil wir in ihn hineingepreßt worden sind wie eine Sache, wie ein Schacherobjekt, als Preis für die vom èechischen Volke der Entente geleisteten Dienste und weil wir nun in diesem Staate leben sollen als ein Volk zweiter Klasse, als Heloten, die keine Rechte als Volk, sondern nur die Pflicht haben, für die Erhaltung des Staates, für die Erstarkung der Staatsgewalt, für das Emporsteigen des èechischen Volkes und dadurch für die eigene Entrechtung und Vernichtung zu arbeiten.
Wir lehnen diese Friedensverträge auch deshalb ab, weil der ihnen innewohnende französische Geist des Hasses gegen alles Deutsche und die aus der Angst geborenen Sucht, es nach und nach auszurotten, auch dem von diesen Verträgen gezeugten und in die Welt gesetzten Staatsgebilde vererbt und eingepflanzt wurde und nun fortlebt als treibendes Element der innern und äußeren Politik dieses Staates, einer Politik, die auf dem Boden dieses Staates mit den 3.8 Millionen Deutschen dasselbe Spiel im Kleinen, darum aber nicht weniger rücksichtslos treibt und dadurch den eigenen Staat der Gefahr des Unterganges immer näher bringt, sowie es die Friedensverträge auf dem Boden Europas mit den 70 Millionen Deutschen im Großen machen, wodurch ganz Europa und mit ihm die übrige Welt an den Rand des Abgrundes gebracht wird.
Ich nenne diesen Geist den französischen Geist und glaube, daß es heute keinen vernünftigen Menschen mehr gibt, der nicht derselben Ansicht ist, der Ansicht nämlich, daß die über alles Maß hinausgehenden, gegen das deutsche Volk als Ganzes gerichteten und zur dauernden wirtschaftlichen und politischen Versklavung führenden Bestimmungen der Friedensverträge in erster Linie auf den Einfluß Frankreichs zurückzuführen sind, welches unter Hinweis auf die großen Opfer und schweren Leiden während des Krieges sich unter Beiseitedrängung des Propheten Wilson die führende Rolle bei den Friedensverhandlungen gesichert hat. Daß ich mit dieser meiner Ansicht nicht allein stehe, wird dadurch bewiesen, daß in allen Staaten der Entente mit Ausnahme Frankreichs die Überzeugung von der Notwendigkeit der Revision der Friedensverträge sich immer mehr Bahn bricht, nicht aus Liebe zu Deutschland, sondern im Interesse der Bewahrung Europas und der Welt vor dem wirtschaftlichen und kulturellen Zusammenbruch, während Frankreich noch immer die Brillen des fanatischen Hasses vor den Augen hat und gleich einem an Verfolgungswahn leidenden Irrsinnigen aus Angst vor einer eingebildeten Gefahr blind ins eigene Verderben rennt.
Wenn Sven Hedin in seinem Buche "Arbeitsfreude" sagt: "Wahrlich, eine wunderliche Friedensära, die mit den Tagen von Versailles eingeleitet wurde. Ihre Strahlen erglänzen immer sengender über die Erde, ihre Tauben sind mit Raubtierschnäbeln und Raubtierkrallen bewaffnet. Die Revision des Friedens von Versailles ist die Losung, um die sich die ganze Menschheit jetzt scharen muß. . . Wenn die Politik der Entente noch längere Zeit von demselben unversöhnlichen Hasse bestimmt wird wie jetzt, treiben wir in Europa einer Katastrophe entgegen mit der verglichen der Weltkrieg ein Kinderspiel ist."
wenn der bekannte Engländer Austin Harrison in einem "Kredit und Bankerott" überschriebenen Artikel ausführt: Der polnische Krieg sei nur Frankreichs Mache; die neue Balkanentente lediglich das Resultat des französischen Militarismus, die sinkende Kaufkraft Europas sei durch Frankreichs Schuld herbeigeführt, das keinen Frieden dulden wolle, die hohen Preise und die unerhörten Wuchergewinne seien die unmittelbare Frucht der französischen Politik, die Europa nicht erlauben wolle zu produzieren, zu kaufen und zu verkaufen; die Stagnation des Völkerbundes entstehe durch Frankreichs Weigerung, irgend einem Bunde oder einer Idee Kraft zu verleihen, die Absagen Ameri kas stellen ïie direkte Reaktion gegen ein Frankreich dar, das Ludwig XIV. spielen wolle mit einem Budget, das es nicht einmal mit einer internationalen Anleihe ins Gleichgewicht bringen könne; dies alles seien unbestreitbare Tatsachen, deren Andauer das ganze Europa zu einem nie dagewesenen finanziellen, sozialen und ökonomischen Krach führen müsse." . . . Und weiter: "Das größte Kuriosum in der europäischen Politik nach dem Kriege bildet die merkwürdige Haluzination, daß die beiden angeblich schuldigen Mächte, Deutschland und Oesterreich, ein verarmtes Europa bereichern werden. Das Unheil aufzuhalten gebe es nur einen Weg: Handel und Kredit. Dafür müsse Europa aber Frieden haben, ynit einem Worte, die Verträge müssen von Grund auf revidiert werden, da sie zu lächerlich sind, um darüber zu reden.". . .
wenn der Engländer Gardiner in der "Daily News" erklärt: "England habe den Ansichten Fochs, Clémenceaus und Millerands so oft zugestimmt, daß seine politischen Fähigkeiten beinahe aufgehört haben; zu funktionieren. Die schlimmsten Feinde der Entente seien diejenigen, die aus Loyalität gegen Frankreich vergessen, daß sie auch gewissermaßen zur Loyalität gegen wirkliche Tatsachen verpflichtet seien." . . .
wenn endlich der ehemalige italienische Minister Nitti mit dankenswerter Offenheit verkündet: "Wir haßten ein Deutschland der Waffen und Gewalt, aber wir bewundern die herrlichen Arbeitsqualitäten des deutschen Volkes und wünschen, daß Deutschland ohne jede nutzlose Quälerei seinen Weg wieder aufnehmen könne und sich früher oder später durchsetzen muß, wenn es nicht Hungersnot oder Revolution geben soll; es ist das eine Friedens- und Lebensnotwendigkeit für Europa. Ich weiß, daß dieser Gedanke von den bedeutendsten Politikern Englands und Amerikas geteilt wird . . . Ich habe den Vertrag von St. Germain niemals anders beurteilt als den von Versailles. Beide Verträge sind voll von Irrtümern und Bedingungen, die absurd sind und nicht aufrecht erhalten bleiben können." . . .
und wenn man dagegen die Reden französischer Politiker liest, von denen z. B. Briand davon spricht, daß Frankreich bereit sei, wieder zu kämpfen, um seine letzten Ansprüche aus den Friedensverträgen zu erzwingen, Doumer erst vor einigen Tagen erklärte, daß Deutschland erst bankrott werden solle, bevor man ihm seine Verpflichtungen nachlassen dürfe - dann muß man meine Behauptung für richtig halten und gleichzeitig finden, daß das Orchester, als welches sich der Verband der alliierten und assoziierten Mächte darstellt, schon sehr verstimmt ist und die Gefahr besteht, daß zum Schlusse nur mehr Frankreich als Primgeiger und sein getreuer Schildknappe, die Èechoslowakei, als Tschinellenschläger übrig bleiben. Frankreich gleicht dem Shylock, welcher unter Assistenz seines Verbündeten, der Èechoslowakei, auf der buchstäblichen Erfüllung der Friedensverträge besteht ohne Rücksicht darauf, daß dadurch Deutschland verblutet und zu Grunde gehen muß. Es dürfte aber der Zeitpunkt nicht mehr ferne fein, in welchem die übrigen Großmächte als Weltgericht auftreten und diesem Shylock-Frankreich sowie seinem Assistenten das Urteil dahin sprechen werden, daß es sich zwar alles nehmen dürfe, was die Friedensverträge ihm geben, daß es aber das Fleisch aus dem Körper Deutschlands nur so herausschneiden darf, daß dieses dabei sein Lebensblut nicht verliert. Und damit wird die Unmöglichkeit der Durchführung der Friedensverträge gegeben sein, damit wird die heute von Frankreich betriebene Aussenpolitik und mit ihr die jetzt betriebene nach Frankreich orientierte Außenpolitik der èechoslowakischen Republik ad absurdum geführt sein und eine für die betreffenden Staaten, Frankreich und die Èechoslowakei, verhängnisvolle Niederlage herbeigeführt werden.
Wenn ich damit von der Besprechung der Friedensverträge auf das Gebiet der äußeren Politik im engeren Sinne übergehe, wie sie durch den Minister des Außeren in diesem Staate gemacht wird, so erübrigt mir nach dieser Hinsicht nicht mehr vie! zu sagen. Unser auswärtiges Amt ist nach seiner ganzen Betätigung nur eine Filiale des Quai d'Orsay in Paris; alle Fehler, welche man dort macht und die in der übrigen Welt, wie gezeigt, die richtige Beurteilung und Verurteilung finden, macht es getreulich mit und unser Minister des Auswärtigen ist der getreue Schildknappe des jeweiligen französischen Außenministers. Während sich aber ein Staat wie Frankreich, der innerlich konsolidiert ist und als Nationalstaat wirtschaftliche Krisen und äußere Verwicklungen leichter aushalten kann, wenn auch dabei für ihn eine Schlappe herauskommt den Luxus einer unrichtigen und gefährlichen Politik ohne Gefährdung seines Bestandes erlauben darf, ist für die èechoslovakische Republik infolge ihrer unmöglichen Zusammensetzung und Gestalt, infolge der in ihr wirkenden zentrifugalen Kräfte, infolge ihrer krisenhaften wirtschaftlichen Lage, ihrer Jugend und Nebensächlichkeit für das übrige Europa eine derartige Politik ungemein gefährlich und es ist sehr zu bezweifelen, ob es der èechischen Regierung gelingen wird, ihren Staat zwischen der Scylla der inneren und der Charybdis der äußeren Politik heil durchzubringen.